Ob ich Biblio- was bin?
Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Joachim Ringelnatz

Feuilleton

Kunstvolles Fundstück

Eine Verlagsvorschau von 1979 überrascht

Die Verlagsvorschau von heute ist vielseitig: Ich kenne sie (mit zwei Ausnahmen) nur als digitale Ausgabe, die ich per Mail bekomme oder unkompliziert im Internet erhalte. Freilich, Buchhändler und Journalisten erhalten nach wie vor eine gedruckte Version, Buchhändler in der Regel zusammen mit den Haupttiteln als Leseexemplar, damit sie wissen, was sie erwartet. Eine Vorschau der besonderen Art bot einst der Zürcher Diogenes Verlag, von dem mir eine Vorschau aus dem Jahr 1979 in die Hände fiel. Das Verlagsprogramm für die Saison Herbst/Winter 1979/1980 fand ich in einem überdimensionalen DIN A3-Umschlag.

Der dicke Pappumschlag im DIN A3-Format enthielt seinerzeit natürlich die Vorschau auf die geplanten Titel, die jedoch leider nicht mehr erhalten ist. Der Mappe kann man nur noch entnehmen, dass neben dem "furiosen Erstling" von Heidi Fromman unter anderem Titel von D.H. Lawrence, Friedrich Dürrenmatt, Federico Fellini oder Beryl Bainbridge geplant waren. Auch Patricia Highsmith wurde veröffentlicht, eine Autorin, für die der Verlag bis heute die Weltrechte vertritt, sowie Georges Simenon, dessen Maigret-Gesamtausgabe der Verlag in 75 Bänden in den Jahren 2008 und 2009 aufbaute.

Nachdem Diogenes 1971 die ersten Taschenbücher unter dem Namen detebe herausgebracht hatte, erweiterte der Verlag in der Saison 1979/1980 das Taschenbuchprogramm um die Kunst-Taschenbücher: Gleich im ersten Schwung stellte die Serie zwöf Künstler in jeweils eigenen Bänden vor, darunter Rodin, Goya, Cézanne, Vallotton oder Richter.

Die schöne Überraschung findet sich im dritten Teil, den die Mappe ankündigt. Denn der Verlag begleitete mit "Keel's Kunstmappen", einer Edition der Galerie Daniel Keel, den Start der Reihe kunst-detebe. Jede Mappe bestand aus zwöf Blättern, die "den armen Sammler wieder möglich machen", so der Verlag in seiner damaligen Ankündigung. In der Vorschau sind vier Probedrucke aus den geplanten Mappen von Ungerer, Goya, Vallotton und Posada dabei. Eben jener Galerist Daniel Keel übrigens war 1952 auch Gründer des Verlags.

Insgesamt neun Mappen gab Diogenes heraus, wie ich bei Diogenes erfahren habe: Ungerer war gleich zwei Mal vertreten, während die anderen sieben Mappen einen Querschnitt durch verschiedenen Kunstrichtungen darstellten: Neben den schon erwähnten Künstlern waren auch Sempé, Daumier, Richter und Grandville dabei. Jede Mappe hatte eine Auflage zwischen ca. 1000 und 2000 Exemplaren.

Neugierig war ich auch auf den Daumen, der in der Vorschau mehrfach benutzt wird. Kein Logo, wie mir die Presseabteilung von Diogenes schrieb, sondern ebenfalls ein Motiv aus dem Kunst-Schwerpunkt, der einmalig benutzt wurde. Der Daumen, eine Lithographie von Grandville, schmückte das Cover vom Kunst-detebe über diesen Künstler ("Eine andere Welt").

Der heute so viel beschworene Mehrwert war damals schon dabei - man nannte ihn vermutlich nur nicht so. Und ich möchte meinen, dass diese guten Stücke damals gewiss recht begehrt waren. Vielleicht hängen die einen oder anderen Drucke sogar noch an der Wand?