Books give not wisdom where none was before.
But where some is, there reading makes it more.

Sir John Harrington

Feuilleton

Die reine Zettelwirtschaft

Der Roman XO ist Lesestoff aus echtem Blattsalat

Wer sich für den Erstling von Francis Nenik interessiert, muss sich in Sachen Ordnung möglicherweise etwas einfallen lassen: Der Roman mit dem schlichten Titel XO wird in einem schönen Karton angeliefert, das Manuskript ziert eine rote Bauchbinde und dann ... kommen 427 einzelne Blätter zum Vorschein. Seitenzahlen sucht man vergeblich und die 124 Kapitel sind lediglich mit kleinen Grafiken gekennzeichnet, die die Titelbuchstaben X und O spielerisch variieren. Kann man so ein Buch lesen?

Man kann! Davon ist Verleger Eyk Henze vom Leipziger Verlag ed. cetera überzeugt. Auch, wenn er auf der Website eine kleine Warnung mit auf den Weg gibt:
"man kann die kapitel verschieben. oder auch einzelne seiten. was dann passiert, wissen wir aber nicht. "

Nenik hat einen Roman vorgelegt, der von Henze nicht ohne Hintergedanken als 'widerspenstig' eingeordnet wird: Es ist ein Roman, sicher, aber er funktioniert ein wenig anders. Bereits das Exposé ist ein Abenteuer, in dem Nenik verschweigt, wo die Reise im Buch hingeht. Im Buch selbst spielt er mit so ziemlich allem, was an sprachlichen oder schriftlichen Möglichkeiten denkbar ist. Irgendwann wird der Text für eine Weile zweispaltig, er setzt Fußnoten, macht Anmerkungen am Rand oder streicht ganze Passagen wieder - der Leser erlebt bei seiner Lektüre sozusagen mit, welche Passagen dem Autor später scheinbar unpassend erschienen. Ein Kapitel widmet sich gar in voller Läge dem bewussten Verzicht auf die sonst so geschätzte Technik der Buchbindung: eine heimatloseblättersammlung?

Verlag und Autor gehen mit diesem Buch nicht nur neue Wege, sondern sicher auch ein Wagnis ein. Auch, wenn Nenik nicht der erste ist, der eine non-lineare Erzählstruktur wählt: "Der französische Autor Marc Saporta hat 1963 mit Composition No. 1 etwas Ähnliches gemacht und der englische Schriftsteller B. S. Johnson hat in seinem Buch The Unfortunates nur das erste und das letzte Kapitel festgelegt," erzählt Henze. "Auch er überließ dem Leser die Wahl, die weiteren Kapitel nach eigenem Gusto zu sortieren." Als der Verlag durch Zufall von Neniks Werk gehört hatte, übernahm er ohne großes Zögern die Produktion - auf die andere Verlage wegen wirtschaftlicher Überlegungen bereits verzichtet hatten.

Neben der gedruckten Ausgabe im Schmuckkarton gibt es eine eBook-Version - kostenfrei zum Herunterladen beim Verlag ed. cetera. Dass hier die beiden Versionen gleichberechtigt stehen, war von Beginn an eine Forderung des Autoren selbst, der dazu schreibt, man müsse etwas tun gegen die überkommenen Modelle von Ökonomie, Kunst und Politik und gegen die Selbstgefälligkeiten und die Konzentration von Macht und Kapital in den Händen weniger. Absolut kein Hinderungsgrund, wie Henze findet: "Auf dem Literaturmarkt wird viel über eBooks, Raubkopierer und Digital Rights Management gesprochen, es gibt aber zumindest im deutschsprachigen Raum kaum einen Verlag, der wirklich einmal konkret versucht hat, mit freien Lizenzen zu arbeiten." Eyk Henze ist klar, dass seine Einzelerfahrung mit dieser neuen Form des Angebots keine Verallgemeinerungen zulässt, doch er bringt seine Ansicht dazu ganz knackig auf den Punkt: "Das viele Gerede zum digitalen Buchzeitalter nutzt wenig ohne eigene Erfahrungen."

Im Gegenzug bietet ed. cetera bei der Print-Ausstattung von XO hohe Qualität an: "Die Produktionskosten waren auf Grund der speziellen Form des Buches recht hoch - auch, wenn man freilich die Buchbindung einspart," kommentiert der Verleger launig. "Wir haben zum Beispiel einen Stanzformenbauer für die Schatulle benötigt. Auch das Papier ist mit einer Grammatur von 115 Gramm sehr hochwertig gewählt." Zum Vergleich: Das klassische Kopierpapier bringt es auf 80 Gramm pro Quadratmeter Papier, ein Unterschied in Dicke und Gewicht, den man als Leser sofort spürt.
Damit trotzdem möglichst viele Leser an Neniks Debut teilhaben können, entschied sich der Verlag gegen das klassische Vertriebsnetz über den Buchhandel: XO erhält man derzeit nur per Bestellung am Firmensitz in Leipzig. "Sonst hätte das Buch gut und gerne 50 Euro gekostet und das wollten wir nicht," stellt Henze klar. "Das Geld gäbe kaum einer aus und außerdem wollten wir das Buch nicht in der Sparte Kunstbuch platzieren. Das ist XO für uns sicher nicht." Ein kleines Vertriebsnetz baut der Verlag jedoch derzeit auf und will bis zum Herbst, wenn das zweite Buch im Programm erscheint, auch den regulären Buchhandel und Internetportale beliefern können.

Der Verkaufspreis von 33,90 Euro sei auch nicht für jedermann drin, meinen die Leipziger, aber: "Wir haben eine bodenständige Einschätzung über Umsatzziele," kommentiert Henze. "Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass der Verlag parallel zu unseren jeweiligen Berufen betrieben wird und wir viel Wert darauf legen, dass wir Spaß an dem haben, was wir tun - und vor allem die Literatur machen können, die wir auch gerne lesen."


Francis Nenik - XO
ISBN 978-3-00-037594-1
Verlag: ed. cetera, Leipzig, 2012
Die Links: zum Kauf oder zum Download


Bettina Schnerr-Laube, März 2012
Fotos: (cc) by-sa